In der Bar

„Und was willst du jetzt tun?“

Lyla kippte den Kopf leicht nach links während sie mich mit einer Mischung aus mütterlicher Sorge und Neugierde ansah. Die Zigarette hatte sie zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt; stellte die Flasche ab, damit sie dran ziehen konnte; ließ sich dann wieder in das Polster des Sessels fallen und drückte die Asche in den Becher auf der Lehne.

Ich kannte den Anblick bereits von früher. Es war trotzdem ungewohnt, Lyla wieder rauchen zu sehen. Sie machte dabei einen geschäftigeren, ja gestressten, Eindruck, fand ich. Vielleicht lag das auch an der Art und Weise, wie zügig und gestresst sie an dem Stengel zog, als wolle sie all den Teer direkt in sich aufsaugen. Wenn sie in der Geschwindigkeit weiter raucht, wird die Packung für den Abend nicht ausreichen, war ich mir sicher. Außerdem war mir bewusst, dass es ihr schlecht gehen musste. Jetzt wollte ich mit ihr gar nicht mehr über meine Probleme reden. All meine Gedanken kamen mir so unwichtig vor, wenn ich sah, wie sie eine Zigarette nach der anderen anzündete und versuchte, die Welt in Bier zu ertränken. „In der Bar“ weiterlesen

In der Bar

Eisige Nacht

Es ist wieder ruhig geworden.

Nur noch das leise Brausen eines herannahenden Sturms zieht durch die Straße und über den Platz unter dem Fenster. Selbst die nie schlafende Stadt scheint hier, wo man sie stets gut hören kann, für einen kurzen Moment weit in die Ferne gerückt zu sein. Kein Laut – wirklich kein Laut – ist sonst mehr zu hören außer das unaufhaltsam herannahende Geräusch des Windes. Ein erster kleiner Luftzug bläst durch die offene Tür in das trockene Zimmer. Ein ungebetener Gast, der eine Handvoll Wärme mit seinen eisigen Klauen umschließt und sich, so schnell wie er gekommen ist, wieder in die Nacht verabschiedet. Zurück bleibt nur ein kleines Stück Kälte und die Einsamkeit dieses Moments, von dem wohl niemand – außer vielleicht der Luftzug – Zeuge geworden ist.

Klamm versucht das Papier auf dem Schreibtisch den stoßhaften Schüben aus dem gefallenen Kanister Herr zu werden. Übermächtig wie ein Fluss, der sich nach einem Dammbruch neue Kurse zu suchen scheint, bahnt sich das Nass seinen Weg zwischen den Blätterstapeln, Notizen und Fotos an der Stelle vorbei, an der eben noch das Manuskript gelegen hatte, bis zum Rand der Platte. Kurz sammelt es sich, um dann als ein langer Strahl über den Abgrund zu stürzen. „Eisige Nacht“ weiterlesen

Eisige Nacht

Tango

Ein kleiner warmer Windhauch betrat den Raum. Er schob sachte und behutsam das weiße, leichte Tuch des Vorhangs zur Seite, tänzelte spielerisch am Schreibtisch vorbei, las eine Seite über angewandte Analysis, blätterte um und verlor wohl schon bald das Interesse. Angezogen von ihrer Schönheit, hielt er – mich nur streifend – direkt auf sie zu, graulte ihr sanft durch ihr Haar, dass ihr eine Strähne ins Gesicht viel und ihre Augen abgelenkt von mir abließen. Doch so schnell wie er kam, verließ er uns auch wieder. Sein Weg führte durch das gekippte Badezimmerfenster am anderen Ende der Wohnung. Er huschte in den Innenhof und hoch über die Stadt, die heute einen sehr heißen Sommertag aussaß. Er konnte also nicht behaupten, unerwünscht gewesen zu sein. Dennoch blieb er nicht lange an einem Ort. Das hätte aber auch seinem Naturell nicht entsprochen. Nein, er ist, wie er ist. Er ist keine Laune der Natur, wie man denken mag, sondern eine bis ins kleinste Detail fundiertere und nachvollziehbare Bewegung von aberwinzigen Teilchen. „Tango“ weiterlesen

Tango

Auf dem Spielplatz

Die Schaukel, sie schwingt,
ganz kräftig und fein
und ist bald umringt
von manch‘ Kinderlein.
Denn Nick hat versprochen,
ganz laut und voll Mut,
(sich ohne die Knochen
zu brechen wär‘ gut)
an höchster Stelle
geschwind, doch bequem,
galant, doch ganz schnelle
den Sprung anzugehen.

Denn als er kundtat,
vor jedem der Leute
– trotz des Mutters Rat –
zu fliegen noch heute,
gab’s großes Getose
aus allerlei Munde,
und das streute Salz
tief in seine Wunde.
Als des Problems Lösung,
so wies man ihn an,
soll er doch beweisen,
dass er es kann.

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Auf dem Spielplatz

Die vielen Gründe, warum man sich an Ino ein Beispiel nehmen sollte

Natürlich gibt es mehr Gründe dafür, Ino in den Himmel zu loben, als man an zwei Händen abzählen kann. Ohne Zweifel ist er mit seinen zarten fünfzehn Jahren bereits ein kräftiges Individuum von Mann, dem hohe Ansprüche zugestanden werden müssen – und die ihm ja auch von den meisten zugestanden werden. Ino ist ein großes Vorbild für die Allgemeinheit, ein Wegbereiter seiner Generation. Darüber sind sich alle – und er sich selbst offensichtlich auch – einig (jedenfalls hat noch niemand gegenüber ihm das Gegenteil zu behaupten gewagt).

Dass es Ino mal zu etwas Großem schaffen wird, ist genauso unbestritten, zumal sein Vater ein einflussreicher Mann in der Zuckerrübenfabrik „Polysüß“ ist. Diese Institution versorgt die halbe Stadt mit Arbeitsplätzen und hat keinen geringen Einfluss auf die Politik des Bürgermeisters, einem lausigen kleinen Nichtsnutz unter der Fuchtel von Inos Altem, der in jedem Wahljahr bettelnd auf der Matte steht und Zugeständnisse um Zugeständnisse macht. Ino selbst hat keine Lust auf die Arbeit in der Fabrik. Doch wenn er sich die Macht seines Vaters vor Augen führt, dann zwickt sein Lid leicht unter dem pechschwarzen Topfschnitt, und er weiß, dass er von Geburt an dazu berufen ist, in dieser Welt hart anzupacken. „Die vielen Gründe, warum man sich an Ino ein Beispiel nehmen sollte“ weiterlesen

Die vielen Gründe, warum man sich an Ino ein Beispiel nehmen sollte

Verwunschenes Fantasia

Leise knackt das Unterholz als er den Weg durch den dichten Wald einschlägt, als wäre es das erste Mal. Die Umgebung kommt ihm ungewöhnlich unwegsam und verwachsen vor. Wüsste er es selbst nicht besser, er hätte vermutet, dass diesen abwegigen Pfad noch nie eine Seele gelaufen sei.

Knack, knack. Schritt um Schritt setzt er seinen beschwerlichen Gang fort. Unbeugsame Natur. Wege, die hätten welche sein sollen, waren zu einem Wirrwarr von Ästen und Hindernissen verkommen. „Verwunschenes Fantasia“ weiterlesen

Verwunschenes Fantasia