Kreative Texte

Eisige Nacht

Es ist wieder ruhig geworden.

Nur noch das leise Brausen eines herannahenden Sturms zieht durch die Straße und über den Platz unter dem Fenster. Selbst die nie schlafende Stadt scheint hier, wo man sie stets gut hören kann, für einen kurzen Moment weit in die Ferne gerückt zu sein. Kein Laut – wirklich kein Laut – ist sonst mehr zu hören außer das unaufhaltsam herannahende Geräusch des Windes. Ein erster kleiner Luftzug bläst durch die offene Tür in das trockene Zimmer. Ein ungebetener Gast, der eine Handvoll Wärme mit seinen eisigen Klauen umschließt und sich, so schnell wie er gekommen ist, wieder in die Nacht verabschiedet. Zurück bleibt nur ein kleines Stück Kälte und die Einsamkeit dieses Moments, von dem wohl niemand – außer vielleicht der Luftzug – Zeuge geworden ist.

Klamm versucht das Papier auf dem Schreibtisch den stoßhaften Schüben aus dem gefallenen Kanister Herr zu werden. Übermächtig wie ein Fluss, der sich nach einem Dammbruch neue Kurse zu suchen scheint, bahnt sich das Nass seinen Weg zwischen den Blätterstapeln, Notizen und Fotos an der Stelle vorbei, an der eben noch das Manuskript gelegen hatte, bis zum Rand der Platte. Kurz sammelt es sich, um dann als ein langer Strahl über den Abgrund zu stürzen.

Dort, wo auf dem Schreibtisch die Stearinkerze steht, ist es überraschend trocken geblieben. Sie wirft ihren unregelmäßig flackernden Schein auf den leeren Stuhl und das in der Maschine gebliebene untere Stück Papier. Man kann nicht mehr viel erkennen von dem, was geschrieben wurde. Ohne das restliche Manuskript fehlt es der Zeile an Sinn und Inhalt.

Während der Wind außerhalb des Zimmers zu tosen beginnt, bildet sich ein kleiner See aus Wasser und Blut auf dem schmutzigen Boden des heruntergekommenen Appartements. Und bevor ein erneuter Luftzug durch das Zimmer weht, vergehen nur noch wenige Sekunden, in denen die Kerze den letzten Satz der Underwood zu beleuchten vermag, bevor auch sie erlischt und die Szenerie in pechschwarze Dunkelheit getaucht wird.

Ein Gedanke zu „Eisige Nacht

  1. Ein weiterer älterer Text von mir, der erneut ein Stillleben umschreibt. Und wieder ist der einzige Betrachter der Szene ein Luftzug. Eisig diesmal – dunkel.Reference

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