Kreative Texte

In der Bar

„Und was willst du jetzt tun?“

Lyla kippte den Kopf leicht nach links während sie mich mit einer Mischung aus mütterlicher Sorge und Neugierde ansah. Die Zigarette hatte sie zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt; stellte die Flasche ab, damit sie dran ziehen konnte; ließ sich dann wieder in das Polster des Sessels fallen und drückte die Asche in den Becher auf der Lehne.

Ich kannte den Anblick bereits von früher. Es war trotzdem ungewohnt, Lyla wieder rauchen zu sehen. Sie machte dabei einen geschäftigeren, ja gestressten, Eindruck, fand ich. Vielleicht lag das auch an der Art und Weise, wie zügig und gestresst sie an dem Stengel zog, als wolle sie all den Teer direkt in sich aufsaugen. Wenn sie in der Geschwindigkeit weiter raucht, wird die Packung für den Abend nicht ausreichen, war ich mir sicher. Außerdem war mir bewusst, dass es ihr schlecht gehen musste. Jetzt wollte ich mit ihr gar nicht mehr über meine Probleme reden. All meine Gedanken kamen mir so unwichtig vor, wenn ich sah, wie sie eine Zigarette nach der anderen anzündete und versuchte, die Welt in Bier zu ertränken.

„Weißt du denn, was du machen willst?“, fragte sie weiter. „Weil sonst wäre das doch alles jetzt sehr voreilig. Ich meine, alles hinschmeißen wäre jetzt das Schönste, weiß schon, aber…, hm“ Und dann glühte der Stummel in ihrem Mund wieder rot auf. Sie zog alles in sich rein: Nikotin, Teer, meine Heulerei. Das alles tat ihr nicht gut, wusste ich, und deshalb suchte ich einen Weg, das Thema zu ändern, das Ruder des Schiffs dieser gefährlichen Emotionen rumzureißen, um nicht auf Grund zu laufen.

„Keine Ahnung“, grummelte ich wohlwissend, das Gespräch damit doch nicht wirklich beendet zu haben.

„Hm“, machte Lyla und drückte den Rest der Zigarette in den Ascher.

Ich hatte die Flasche die ganze Zeit in der Hand aber ich trank nicht. Schon der erste Schluck hatte mir nicht geschmeckt. Das sonst so kalte und erfrischende Blonde war heute schal und langweilig. Auch mein Lieblingssessel in der gemütlichen Fensterecke in Andy’s Bar fühlte sich heute irgendwie verschlissener an als sonst und die Musik war abgrundtief scheiße!

„Boah, Andy, wirklich?“, rief ich zur Bar rüber und die gerunzelte Stirn vom Besitzer meiner Stammbar erschien fragend und verschwitzt hinter der kaputten Bierzapfanlage. „Wass’n das für ’ne Trauermukke? Hast du deine Tage?“

Aber Andy zuckte nur mit den Schultern, winkte noch kaum merklich mit einer Greifzange zu uns herüber und verschwand dann wieder unter der Bar.

„Die macht schlechte Laune, ne?“, kommentierte meine Begleitung die heutige Playlist. „Wir können auch einfach wieder hochgehen?“

Wir wohnten seit zwei Jahren in einer kleinen Wohnung über der Bar, direkt im Kiez, Kreuzköln. Als Lyla heute nach Hause kam, hatte sie gleich gemerkt, das etwas nicht stimmte. Ich kann vor ihr einfach keine Stimmung verbergen. Vielleicht hatte sie aber auch selbst Alkohol nötig, dachte ich inzwischen, sonst würde sie nicht rauchen; sonst würde sie selbst auch mehr lachen und diese positive Aura versprühen, wie sie es sonst tat. Aber sie saß einfach nur da, versuchte zuzuhören, ihre Pflicht als beste Freundin zu erfüllen; vielleicht auch selbst auf andere Gedanken zu kommen; das wusste ich nicht so genau. Überhaupt wusste ich gerade nichts wirklich. Ich wusste nicht, wie ich mit ihr umgehen sollte, wo sie doch wieder rauchte und ich sie aber nicht drauf ansprechen wollte. Ich wusste ja noch nicht ein Mal, wie ich mit meinem eigenen Leben umgehen sollte. Eigentlich hatte ich heute bereits nur noch alles beenden und den Kackladen an Universität für immer hinter mir lassen wollen. Dann hatte ich mit meinem Vater telefoniert, der mir nie zuhört, mir immer nur sagt: „Mach weiter! Du wirst schon sehen!“ Aber ich wusste nicht, was ich sehen werden würde. Ich war mir unsicher, dass das, was ich zu sehen bekommen würde, eine gute Sache sei. Nein, ich hatte kein Interesse an diesem Fach. Das hatte ich schon früher nicht. Aber ich hatte es studiert, weil ich ja irgendwas studieren musste. Und Informatik war halt zulassungsfrei. Wenn man ein schlechtes Abitur hat, kann man auf alle beschränkten Studiengänge einen Dreck geben. „Hauptsache du studierst erst Mal was und dann schauen wir weiter“, hatte mein Vater gemeint. Das hatte ich nun davon. Ein Studium, das ich hasste; bis zum Himalaya und wieder zurück hasste; und einen Vater, der nicht verstand, wie ich denn an einen Abbruch denken könnte. Natürlich: Das hätte ich auch früher entscheiden können. Nach dem ersten oder zweiten Semester hätte ich bereits den Beschluss fassen können, es nicht fortzuführen. Aber nun, kurz vor den letzten Prüfungen? „Es wäre doch eine Schande, jetzt den Schwanz einzuziehen“, knackste es dann durchs Telefon, „So kurz vorm Ziel, Junge … du wirst sehen … danach ist alles gut.“ Das war ein Déjà-vu gewesen, denn genau dieses Gespräch hatte ich ein Jahr zuvor bereits schon Mal mit ihm geführt. Deshalb hatte ich auch schon vorher gewusst, dass ich keine Unterstützung zu erwarten hatte. Aber mein Vater finanzierte das Studium und Geld ist Macht. Papa bezahlt, Sohn macht, was er sagt – so einfach ist das. Aber genau damit steckte ich jetzt in einem Dilemma, denn ich strebte geradezu auf eine Zukunft zu, in der ich etwas tat, was mich unglücklich machte; wahnsinnig unglücklich und wütend. Wütend auf die Universität, auf meinen Vater und am Meisten auf mich selbst.

„Wir könnten einen Film gucken oder ich hol mir noch ein Bier und wir laufen um den Block. Oder nen Döner?“

Es war wie im Film. Die Gedanken kamen an den Ort des Geschehens zurück und die Umgebung verwandelte sich von einem verschwommenen Irgendwas in die scharfe Wirklichkeit. Die Ventilatoren an der Decke, die Bar aus dunklem Holz, aber mit hellen Oberflächen und metallischen Arbeitsflächen, die weißen Wände – bis auf die eine neben der Bar, die mit rotem Tafellack bestrichen ist und von den Gästen gestaltet werden darf, die Sessel und Stühle mit ihren unterschiedlichen Designs, zusammengestellt, unpassend, urban, runde und eckige Tische – mit Glasplatten oder komplett aus Holz. „Das war schon immer mein Traum!“, hatte Andy mal gemeint. Er hatte diesen Laden mit sehr viel Liebe eingerichtet und ihn zu seinem Lebensmittelpunkt gemacht. Und Andy war glücklich damit. Er war glücklich, obwohl die Zapfanlage nie funktionierte und er kein Geld für eine vernünftige Reparatur hatte. Aber sein Herzblut war hier. In jeder Ecke vom „Andy’s“ konnte man es sehen, in jedem Winkel fühlte man seinen Elan und seinen Ehrgeiz. Das war was ganz anderes als Informatik.

„Tut mir Leid, Lyla!“, erwiderte ich. „Jetzt habe ich dich die ganze Zeit vollgejammert und jetzt fällt mir auch nichts mehr ein.“

„Du hast ja auch schon genug gesagt“, befand sie, „den Rest denke ich mir.“ Dann lächelt sie ein kurzes trauriges Lächeln und er wusste in diesem Moment, wieso er sie so gern hatte.

„Nils?“

„Hm?“

„Das ist vielleicht jetzt der falsche Zeitpunkt. Aber das ist alles so plötzlich gekommen und ich möchte, dass du es von Anfang an mitbekommst.“

Ich sah zu Lyla hoch, stellte die Bierflasche, die ich noch immer in meiner Handy hielt, auf den Tisch und richtet mich gespannt auf.

„Es ist so“, fuhr sie fort, „dass ich gerade nur so wenige Möglichkeiten habe. Modedesign ist einfach mein Ding, weißt du, aber ich finde keinen Job. Was bringt mir die ganze Ausbildung, wenn ich hier nirgends angestellt werde – Auftraggeber regnen auch nicht vom Himmel.“
Sie sah mich an, doch ich verstandend nicht, was sie mir sagen wollte. James Blunt stimmte gerade ein trauriges Lied über Liebe und Einsamkeit an.

„Und?“, fragte ich.

„Ich werde weggehen. Mein Onkel hat mir ein Praktikum organisiert. In München. Vitamin B, weißt du?“

Stille. Lyla sagte nichts mehr, griff zu der Packung auf dem Tisch und zog eine weitere Zigarette raus. Stille, kein Wort mehr. Nur in meinem Kopf herrschte Chaos. In meinem Kopf brach eine ganze Welt zusammen, stürzte krachend in eine Flut aus Panik – oder war es Trauer? – und jedes „klick“ des Feuerzeugs in Lylas Hand kündigte eine Explosion an und dann, dachte ich, hoffte ich, wird in meinem Kopf auch Stille sein. Doch die Detonation kam nicht, das Chaos blieb, laut, unüberhörbar, blockierte meine Gedanken, hüllte alles in Schall und Rauch und löschte doch nichts aus.

„Was ist mit Lukas?“, hörte ich mich fragen. Gedämpft, fast nicht wahrnehmbar.

„Er sagt, wenn ich gehe, ist es vorbei.“

„Oh…“

„Wollen wir nicht doch spazieren gehen?“, fragte Lylas Stimme durch eine Nebelwand, die alles vereinte: Stille, James Blunt, Chaos und das rote Leuchten der unheilbringenden Kippe in ihrem Mund.

Ein Gedanke zu „In der Bar

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