Kreative Texte

Tango

Ein kleiner warmer Windhauch betrat den Raum. Er schob sachte und behutsam das weiße, leichte Tuch des Vorhangs zur Seite, tänzelte spielerisch am Schreibtisch vorbei, las eine Seite über angewandte Analysis, blätterte um und verlor wohl schon bald das Interesse. Angezogen von ihrer Schönheit, hielt er – mich nur streifend – direkt auf sie zu, graulte ihr sanft durch ihr Haar, dass ihr eine Strähne ins Gesicht viel und ihre Augen abgelenkt von mir abließen. Doch so schnell wie er kam, verließ er uns auch wieder. Sein Weg führte durch das gekippte Badezimmerfenster am anderen Ende der Wohnung. Er huschte in den Innenhof und hoch über die Stadt, die heute einen sehr heißen Sommertag aussaß. Er konnte also nicht behaupten, unerwünscht gewesen zu sein. Dennoch blieb er nicht lange an einem Ort. Das hätte aber auch seinem Naturell nicht entsprochen. Nein, er ist, wie er ist. Er ist keine Laune der Natur, wie man denken mag, sondern eine bis ins kleinste Detail fundiertere und nachvollziehbare Bewegung von aberwinzigen Teilchen. Er kam nicht plötzlich daher. Er entwickelte sich durch Zusammenspiel von Warm und Kalt, er war lediglich ein wenig schneller als sonst. Und auch das ist normal. Manchmal geht es langsam und manchmal ein wenig schneller zu im Strom der Teilchen, die voneinander angetrieben, in die selbe Richtung Tango tanzen. Eins, zwei, drei, vier, eins, zwei, drei, vier, Schritte, Schlenker, Molinete. Der Strom führt, die Luft geht mit und die ganze Welt übernimmt den Takt. Eins, zwei, drei, vier. Vielleicht stürzte sich das Tänzergespann genau in dieser Sekunde, in der mein süßes Mädchen sich lachend die Strähne hinters Ohr strich, auf das städtische Geschehen an der nächsten Straßenecke, umwehte ein lesendes Fräulein am Brunnen, hörte den Tratsch der zwei mittelalten Madames, die immer um diese Zeit vor den Fenstern des niedlichen Cafés neben dem Antiquariat saßen oder es schlug ein paar Haken durch den Park, vorbei an auf bunten Decken liegenden Studenten, einem streitenden Pärchen und wechselte bei einem Enten jagenden Hund von argentinischem Standardtanz in Freestyle. Und eins, und zwei, und drei, und vier. Hin und zurück vollziehen alle Teilchen ihren Wiegeschritt voller Anmut und in Perfektion, wohlwissend, dass sie nur ein kleiner Bestandteil eines großen Luftzugs sind. Sie sind einzelne Partikel, winzige Atome. Sie sind Elektronen und Protonen, Plus und Minus, nur zusammen ergeben sie Sinn. Sie sind wie alles andere in unserer Welt. Ihr Strom ist einer von vielen Strömungen, die wir tagtäglich mehr oder weniger mitbekommen. Und auch das ist alles normal. Irgendwann sind sich die beiden Madames in dem Straßencafé bei ihrem eigenen Tangotanzstrom aufgefallen, ihre Schritte führten aneinander vorbei und verlaufen seitdem (und niemand weiß, wie lange es so bleibt) parallel. Wir Menschen glauben, wir stehen jeder für uns alleine, doch auch ohne es zu wissen, drehen wir nur jeder für sich allein unsere Kreise in einem Millionen Wesen großen Strom, finden hier und da auf der Suche nach einem besonderen Schritt mit großer Raffinesse jemandem, der führt oder geführt werden will – manchmal treten wir einander, stolpern, fallen in einen Dreivierteltakt, um irgendwann wieder eins mit dem Rhythmus zu sein. Und jeder zählt dann eins, zwei, drei, vier, eins, zwei, drei, vier, macht Schritte, Schlenker, Molineten, zieht Kreise, Kreuze und Pivot, unaufhörlich, wie im Schlaf. Kein Strom kommt plötzlich, ist einfach da. Nichts passiert ganz ohne Grund. Und ich freute mich dieser Eingebung, die der Augenblick mir bescherte, während ihre wunderschönen Augen wieder zu meinen fanden und in mir drin für ein kleines Tanzfinale sorgten.

Ein Gedanke zu „Tango

  1. Während sich ein aktueller Text zu einer größeren Geschichte ausweitet, habe ich hier einen älteren Text für euch, den ich damals in einem Heidelberger Café verfasste. Damals hatte ich viel Spaß an der Verschriftlichung von Stillleben.

    Dieses Stück hier sollte mal der Anfang einer längeren Idee werden, die ich allerdings irgendwann verwarf.Reference

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