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„Um 1220 wurde die Rathausstraße gebaut“

„Das erste Rathaus war ein hölzerner Fachwerkbau. Über dieses Haus ist nichts in den Schriftquellen jemals vermerkt worden“, erklärt mir Michael Hofmann, Archäologe der Berliner Bodendenkmalpflege. Als er auf die Funde zu sprechen kommt, die vor dem Roten Rathaus gemacht wurden, beginnen seine Augen zu glänzen. Es sei für ihn die wichtigste Grabung der letzten Jahre gewesen, erklärt er mir.

Wenn man in Berlin auf oder in historischem Grund bauen möchte, schlägt erstmal die Stunde der Stadtarchäologen. Möchten die Berliner Verkehrsbetriebe eine U-Bahn wie die U5 errichten, die den Hauptbahnhof mit dem Alexanderplatz verbindet und quer durch das mittelalterliche Berlin führt, gehört diese Chance genutzt. Und das haben die Altertumswissenschaftler getan.

Über zwei Jahre durften die Archäologen Erdschichten abtragen und Laufhorizonte freilegen, um am Ende festzustellen: Die Rathausstraße (damals Königsstraße) entstand bereits 1220. Ein weiterer Beweis also, dass Berlin älter ist, als bislang bekannt. Für Hofmann ist klar, dass in Berlin und Cölln bereits 1170 gesiedelt wurde. Damit ist die Stadt bereits circa 830 Jahre alt. Fünfzig Jahre älter, als ein Dokument aus dem Jahr 1237 belegt.

Ganze 19 Grundstücke fanden die Historiker einige Meter unter der Erde, deren Baubeginn anhand von Jahrringdatierungen des Bodens und der Hölzer festgestellt werden konnte. Und auch der Grundriss des ersten hölzernen Rathauses konnte so nachvollzogen werden. „Wir konnten das auch durch Münzfunde datieren“, erläutert Hofmann weiter. Es wurden Denare gefunden, deren Alter belegen, „dass dieser Bau also um 1260/65 errichtet wurde.“

Wahrscheinlich ist der erste Rathausbau abgebrannt und dann im Jahr 1300 durch ein Gebäude aus Stein ersetzt worden, in dessen Keller erst ein Kaufhaus und später auch ein Ratskeller untergebracht war. „Es ist so, dass uns andere Historiker gesagt haben, da wäre nichts mehr zu erwarten. Da wurden diverse Leitungen in den letzten Jahren durchgelegt worden. Aber als wir mit dem Bagger und dem Spaten die Mauerreste freigelegt haben, war doch noch sehr viel vom gotischen Bau übrig. Das hat dazu geführt, dass auch die BVG schnell umgedacht hat, sodass wir doch große Teile von diesem Rathaus erhalten konnten.“

Wenn der U-Bahnhof „Rotes Rathaus“ eröffnet, werden die archäologischen Funde durch ein begehbares „historisches Fenster“ integriert. Auch an anderen Stellen des mittelalterlichen Zentrums sollen in den nächsten Jahren solche dokumentarischen Fenster entstehen, damit sich die Berliner und ihre Besucher selber einen Eindruck machen können, wie die Stadt vor mehr als 800 Jahren aussah.

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